Hinter “Weigeliana Domus” verbirgt sich das Wohnhaus des Jenaer Universal-Gelehrten Erhard Weigel (1625 bis 1699). Weigel kam 1653 nach Jena und machte die Stadt von da an zum Zentrum seines Schaffens. Er veröffentlichte viele Schriften zu Astronomie und Mathematik, war aber auch für zahlreiche Bauten in der Stadt (unter anderem das Stadtschloss) zuständig. Weigeliana Domus bezeichnet sein eigenes Wohnhaus, dass er nach eigenen Plänen hat errichten lassen und das eine ganze Reihe von Erfindungen beinhaltet.
Mittlerweile gibt es in der Stadt aber nur noch wenige Hinweise auf den Gelehrten, in Jena ist aber nach wie vor die Erhard-Weigel-Gesellschaft aktiv, die dem Schaffen von Weigel einen größeren Platz in der Stadtgesellschaft einräumen möchte.
Das Weigelsche Haus (Weigeliana Domus) stand dabei in der Johannisgasse an der nördlichen Stadtmauer des mittelalterlichen Jena und zeichnete sich sowohl nach Außen als auch im Inneren durch eine ganze Reihe von Besonderheiten aus. Diese Besonderheiten machten es wohl auch zu einem der Sieben Wunder von Jena, denn solche Häuser gab es in anderen Städten (auch weit größeren) nicht.

Weigelinana Domus von Benedictus Georgi (1669)

Weigelsches Haus, Zinkätzung von 1898 – AI nachbearbeitet, Dr. Paul Weber

Bequeme Feldkutsche nach Erhard Weigel, Jena 1673
“ … Demnach denen Reißenden sowohl zu Krieges- als Friedens-Zeiten sehr zu statten kommt/ wenn sie auf dem zu Reiß vorhandenen Wagen nicht allein verwahrt / reputierlich / bquem und sanft sitzen ; sondern auch damit durch ducke und dünne wie auch über Stock und Stein/leichtlich forkommen. können : welches bendes bey dem bisher gebräuchlichen Fahr-Geschiss nicht zusammenstimmen wollen. …. “
Die Besonderheiten des Weigeliana Domus
Das Treppenhaus soll eine durchgehende Treppe gewesen sein, die sich durch alle Etagen zog. Das Dach des Treppenhauses ließ sich öffnen und dann konnte man (wenn die Fenster verdunkelt wurden) in dieser entstehende Röhre die Sterne am Himmel auch am Tag sehen. Das Treppenhaus reichte dabei durch das gesamte Haus bis in den Keller und wenn man im Keller Stand, konnte man dann dort die Sterne durch diese Röhre betrachten.
Darüber hinaus soll es in einem anderen Treppenhaus auch einen Flaschenzug gegeben haben, durch den man sich zu den entsprechenden Stockwerken hat bringen lassen können, ohne dabei die Treppe zu benutzen.
Im Haus gab es auch bereits Wasserleitungen und in den Zimmer Hähne, so dass man das Wasser direkt im Zimmer zapfen konnte. Weigel hat diese Form des sogenannten “Wasser-Schatzes” in einigen seiner Schriften erwähnt und in seinem Haus umgesetzt. Dieses System war auch gedacht, um im Falle eines Brandes schnell Wasser zum Löschen auf jeder Etage zu haben.
Eine Erweiterung dieses Systems war die sogenannte “Keller-Magd”. Dieses System war dazu gedacht, Wein zu liefern und das kam in einer Universitätsstadt mit vielen durstigen Studenten natürlich überaus gut aus. Die Keller-Magd bestand dabei aus einem Trichter und einem Hahn. Entleerte man einen Becher Wasser in den trichter, so kam aus dem Hahn die entsprechende Menge Wein geflossen. Nach Angaben von Zeitgenossen basierte das System dabei auf dem Prinzip des Herons-Brunnens und war wohl einer der wichtigsten Gründe, warum das Haus zu den Sieben Wundern von Jena gezählt wurde. Allerdings trieben vor allem die Studenten wohl auch viel Unsinn mit dem Gerät, so dass es recht bald außer Funktion genommen wurde.
Edmund Spiess erwähnt dazu noch eine ganze Reihe von weiteren Kuriositäten, die man im Haus finden konnte. so ist von einer “Springenden Schüssel” die Rede, von einer “schießenden Springuhr” oder auch von elastischen Kissen.
Zur Architektur schreibt Paul Weber um 1900:
Architektonisch gegliedert und verziert erscheinen von all diesen Stockwerken an der Außenseite nur das Erd- mit dem Zwischengeschoß und der erste Oberstock. Alle übrigen sind ohne alle Gliederung und ohne jeden Schmuck, und dies verleiht dem oberen Theile des Gebäudes, abgesehen von seinem wunderlich-launenhaften Aufbau, einen durchaus nüchternen Charakter. Aber auch die künstlerische Ausgestaltung der unteren Geschosse ist außerordentlich dürftig und plump. Es ist eine Art Spätrenaissance, aber ohne alles Stylgefühl. Das Erdgeschoß sammt dem niedrigen Zwischengeschoß ist durch 2 starke Halbsäulen eingefaßt. Eine dritte Halbsäule giebt die Mittellinie. Durch die flachgerundeten Fenster, in denen sich das Zwischengeschoß gegen die Straße öffnet, durch die mächtigen kreisrunden Vertiefungen in den Bogenzwickeln und durch den weit vorstehenden tiefbeschattenden Sims, der nach oben hin abschließt, wirkt dieser Theil der Fassade bei all seiner Einfachheit doch malerisch, namentlich wenn buntblühende Blumentöpfe, wie bis vor Kurzem, das schwärzliche Gemäuer beleben. Es folgt dann nach oben hin ein hoher außerordentlich schwerfälliger Sockel, auf dem 4 Pilaster aufsitzen, welche das nächste Stockwerk gliedern. Verziert ist der Sockel durch einen plumpen Ornamentfries, bestehend aus 2 langgestreckten vertieften Feldern, die durch ein eigenthümliches Stuck-Ornament ausgefüllt sind, nämlich durch abwechselnd geflammte und gradlinige Zacken.
Das ganze Haus war darauf ausgelegt, die Mitmenschen in Staunen zu versetzen und zu zeigen, was mit Wissenschaft alles möglich war. Leider hat sich davon bis in die heutige Zeit nichts mehr erhalten.
Die Sieben Wunder von Jena im Video
Das Ende des Hauses
Das Weigelsche Haus in Jena wurde im Jahr 1898 abgerissen. Dieser Schritt markierte einen Wendepunkt in der Stadtgeschichte, bei dem historisches Erbe dem rasanten industriellen Fortschritt weichen musste. Der Hauptgrund für die Zerstörung war der enorme Expansionsdrang der Firma Carl Zeiss. Unter der Leitung von Ernst Abbe benötigte das optische Unternehmen dringend Platz für moderne Produktionsstätten und Labore im Stadtzentrum. Da sich das Grundstück des Weigelschen Hauses in unmittelbarer Nachbarschaft zum Zeiss-Gelände befand, erwarb die Carl-Zeiss-Stiftung das Areal, um dort den heutigen „Bau 4“ (das Hauptgebäude der Friedrich-Schiller-Universität am Abbeplatz) zu errichten.
Bei der Weigel-Gesellschaft hat man noch die Worte eines Zeitzeugen zum Abriss:
Jahrhunderte sind an diesem mittelalterlichen Wahrzeichen vorübergezogen, und keiner hat sie anzutasten gewagt. Heute nun hat die Sterbestunde des einen geschlagen: Das Weigelsche Haus – das kürzlich in den Besitz eines Geschäftsmannes überging – soll, wenn nicht ganz abgebrochen, so doch gänzlich umgebaut werden.
Mit dem Abriss verlor Jena ein Gebäude von außergewöhnlichem wissenschaftshistorischem Wert. Das Haus war das ehemalige Wohn- und Wirkungsstätte des Universalgelehrten Erhard Weigel, der es im 17. Jahrhundert mit zahlreichen mechanischen Kuriositäten ausgestattet hatte. Dazu gehörten eine für die damalige Zeit revolutionäre Wasserleitung, ein durch Flaschenzüge betriebener Fahrstuhl und ein künstlicher Sternschacht, der astronomische Beobachtungen sogar am helllichten Tag ermöglichte. Obwohl der Verlust des Hauses bereits Ende des 19. Jahrhunderts bei geschichtsbewussten Bürgern auf Bedauern stieß, wurde die Modernisierung der Universität und der Optikindustrie damals höher gewichtet. Heute erinnert nur noch eine Gedenktafel am Abbeplatz an den Standort dieses verschwundenen architektonischen Wunders.
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