Hinter “Caput” (lat. “Kopf”) versteckt sich eine Figur aus der Uhr am Rathaus von Jena. Dabei handelt es sich um eine (wahrscheinlich spätgotische) Plastik, die mit zwei anderen Figuren über dem eigentlichen Ziffernblatt der Uhr angebracht ist. Neben dem Kopf ist auf der Uhr auch noch ein Mann zu sehen und ein Engel. Der Mann führt dabei einen runden Ball an einem Stock vor das Maul des Kopfes und dieser schnappt danach, erreicht ihn aber nie und der Ball wird wieder weggezogen. Dieses Schauspiel wiederholt sich zu jeder vollen Stunde und die Stundenzahlen bestimmt dabei, wie oft der Caput nach dem Ball schnappt. Die Figur selbst wird als Schnapphans bezeichnet, weil sie mit dem Maul immer nach der Kugel schnappt.
Wie so oft sind die Quellen rund um den Schnapphans und allgemein zur Uhr im Rathaus von Jena eher dünn. Es bleibt daher viel Raum für Spekulationen rund um den Schnapphans – sicher ist aber, dass dieser Name mittlerweile Eingang in die Stadtgesellschaft von Jena gefunden hat und Namensgeber für andere Vereine und Projekte ist.
Im historischen Rathaus selbst findet man mittlerweile das Restaurant Ratszeise. Man kann (bei schönem Wetter auch draußen) direkt unter dem Caput speisen.
Video: Der Schnapphans in Aktion
Die Herkunft von Uhr und Plastik

Zeichnung der Jenaer Rathaus-Uhr und des Schnapphans – Vulpius 1818
Das Rathaus selbst wurde 1365 zum ersten Mal erwähnt (allerdings ein Vorgängerbau des aktuelles Hauses), wann genau die Uhr aber eingebaut wurde, ist nicht genau bekannt. Man geht allgemein von um 1500 aus, aber ein genaues Datum dafür gibt es nicht. Ebenso ist unbekannt, welcher Meister hinter der Uhr und dem Schnapphans steht. Sicher ist dagegen, dass die Uhr schon vor dem Umbau des Rathaus-Turmes vorhanden gewesen ist – nur eben an einer andere Stelle.
In einer zeitgenössischen Aufzeichnung heißt es dazu:
„In demselben hat man den sogenannten Schnapphanß, so zuvor auf dem einen Dach linker Hand gestanden, nebst einer zweyten Glocke, so ehedem auf der Kirche über dem Altar gehangen, gebracht”
Edmund Spiess erwähnt vergleichbare Figuren und schnappende Köpfe auch bei Uhrwerken in Großenhain und Gotha. Ein solcher Kopf scheint also nicht unbedingt ungewöhnlich für die damalige Zeit gewesen zu sein.
Die Bedeutung goldene Kugel ist dabei nach wie vor umstritten. In den früheren Erwähnungen wird sie oft als Apfel bezeichnet, in aktuellen Aufzeichnungen ist mehr von einem Klos die Rede (in Anlehnung an die Thüringen Klos-Tradition). Es ist wohl am besten, bei der Bezeichnung als goldene Kugel zu bleiben, denn da ist unbestritten.
Die aktuellen Figuren sind im Übrigen nicht mehr das Original, sondern wurden 1969 durch Figuren aus Aluminium ersetzt. Diese sind wetterbeständiger. Das Original des Caput kann man noch im Stadtmuseum Jena sehen.
Die Symbolik des Schnapphanses
Über die Geschichte und Herkunft des Namens ist ebensowenig bekannt wir zur Uhr selbst. Es gibt also keine definitive Deutung, woher die Bezeichnung Schnapphans kommt.
Hans (die Kurzform von Johannes) war vom 14. bis 17 Jahrhundert der beliebteste Vorname im deutschen Raum und findet sich daher auch in verschiedenen Sprichwörtern (Schmalhans Küchenmeister, Hans im Glück, Prahlhans, blanker Hans aka die Nordsee). Die Redewendung “Hans in allen Gassen” gab es dabei schon länger und sie wurde wohl als “Hans von Jena auf allen Gassen” umgedeutet. Der Namensteil Hans ist daher wohl auf diese allgemeine Bezeichnung zurückzuführen.
Man findet aber auch den Hinweis auf den Uhrmacher Hans Düringer als möglichen Namensgeber und es gibt auch Geschichten, dass der Hofnarr Claus Narr als Schnapphans abgebildet ist. Auf Schloss Hartenfels in Torgau gibt es eine Statue dieses Narren (was durchaus schon ungewöhnlich ist) und sie weist durchaus Ähnlichkeiten mit dem Caput auf. Betrachtet man sich das Gesicht des Narren, so scheint die gleiche Kappe mit den auffallenden Ohren genutzt zu werden. Die Gesichtszüge sind auch recht ähnlich, soweit man das am verwitterten Caput noch erkennen kann. Nur der Bart ist an der Jenaer Uhr nicht vorhanden – das kann aber auch damit zusammenhängen, dass für den Bart am Kopf kein Platz mehr war, weil dieser bewegliche Teil sonst zu schwer geworden wäre. Class Narr wurde wahrscheinlich 1455 geboren. Zeitlich könnte der Zusammenhang also passen. Es gibt aber keinen inhaltlichen Hinweis, warum der Narr an der Uhr von Jena verewigt sein sollte.
Wer auch immer der Namensgeber war – wahrscheinlich hat diese Bezeichnung dann noch weitere Wellen geschlagen und wurde allegorisch für alle eingesetzt, die auch müßig herumlaufen um zu gaffen und etwas aufzuschnappen. Statt Schnapphans wird daher auch oft (beispielsweise von Luther) der “Hans von Jena” erwähnt, als symbolische Figur.

Claus Narr, Schloss Hartenfels, Torgau – Von Radler59 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48484687

Marktplatz zu Jena 1775 CC BY SA https://digi.ub.uni-heidelberg.de/di…/henrici1914_01_30/0121 mit Rathaus und Schnapphans-Uhr. Die Uhr ist jetzt im neuen Turm zwischen den beiden Giebeln zu finden und enthält (kaum zu sehen) bereits den Schnapphans und die beiden anderen Figuren.
Luther und der „Hans von Jena“
Vor allem Luther scheint es der Schnapphans angetan zu haben, denn er erwähnt ihn in seinen Predigten gleich mehr als Gleichnis. Luther: Hauspostille über Matth 22, 1-14
“Wenn ein mächtiger König auf Erden Hochzeit macht, hätte die Mahlzeiten herrlich bereitet und lüde viele dazu, da würde ein Zulaufen werden von allen Orten und “Hans von Jena” würde auf allen Gassen sein”
Eine Erwähnung der 7 Wunder von Jena findet man aber bei Luther nicht. Es gibt zwar mehrere Stellen zum Schnapphans, aber keinen Hinweis, der den Hans von Jena als Wunder der Stadt einordnen würde. Auch das deutet darauf hin, dass die 7 Wunder zu den Zeiten Luthers noch keine Rolle gespielt haben bzw. der Sinnspruch zu dieser Zeit noch nicht bekannt war.
Bei Adrian Beier findet man in Geographus Jenensis eine kurze Beschreibung der Uhr. Er erwähnt dazu aber weder explizit den Kopf (Caput) noch die 7 Wunder von Jena oder dass die Uhr oder der Kopf dazu gehören würden. Zu dieser Zeit war die Uhr also bereits recht interessant, aber wohl noch kein Wunder der Stadt.
Mechanische Uhrenspielen in anderen Städten
Das Motiv des sogenannten „Stundenfressers“ oder „Zeitfressers“, wie es der Schnapphans am Jenaer Rathaus verkörpert, ist in der europäischen Uhrmachertradition weit verbreitet. Diese Figuren, die zu jeder vollen Stunde ihren Mund öffnen oder eine Bewegung ausführen, dienten ursprünglich als Mahnung an die Vergänglichkeit der Zeit (Memento Mori).
1. Der „Zytglogge“ in Bern (Schweiz)
Dies ist eines der berühmtesten Beispiele für eine astronomische Uhr mit Figurenspiel. Bevor die Glocke schlägt, führt ein mechanisches Ensemble eine Choreografie auf: Ein Hahn kräht, ein Narr (Chronos) dreht eine Sanduhr um und eine Gruppe von Bären zieht ihre Runden. Ähnlich wie beim Schnapphans geht es hier um die Inszenierung des Zeitverlaufs.
2. Der „Roland“ in Bremen
Am Bremer Rathaus findet sich zwar kein klassischer „Schnapphans“, aber an der Westseite (am Schütting) gibt es ein Glockenspiel mit Figuren. In Norddeutschland sind zudem mechanische Köpfe an Uhren bekannt, die beim Schlagen die Augen rollen oder den Mund bewegen – ein Motiv, das dem Schnapphans sehr nahekommt.
3. Die astronomische Uhr in Prag (Tschechien)
Die Prager Rathausuhr zeigt ein sehr komplexes Figurenspiel. Neben den zwölf Aposteln tritt dort auch der Tod in Erscheinung, der eine Sanduhr hält und nickt – eine Darstellung der verrinnenden Zeit, die symbolisch die gleiche Funktion erfüllt wie das Zuschnappen des Hans in Jena nach der goldenen Kugel (dem Klöppel).
4. Das Glockenspiel im Neuen Rathaus in München
In München agieren 32 Figuren auf zwei Etagen. Auch wenn diese Szenen (Schäfflertanz und Ritterturnier) eher historische Ereignisse darstellen, folgen sie der Tradition, den Stundenschlag durch eine mechanische Vorführung zu visualisieren.
5. Der „Platzjabbeck“ in Koblenz
Ein sehr direktes Gegenstück zum Schnapphans findet sich am Rathausturm in Koblenz. Der Platzjabbeck ist ein mechanischer Kopf unter der Turmuhr, der zu jeder vollen Stunde den Mund aufreißt und die Zunge herausstreckt. Während der Schnapphans in Jena eher gierig nach der Zeit schnappt, wirkt der Koblenzer Kollege eher spöttisch gegenüber den Passanten.
Vergleichbare Merkmale
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Symbolik: Fast alle diese Figuren stellen die Zeit als eine Kraft dar, die „frisst“ oder unaufhaltsam voranschreitet.
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Technik: Es handelt sich um frühe mechanische Automaten, die über das Uhrwerk gesteuert werden.
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Volksglaube: Oft sind diese Figuren mit lokalen Legenden verknüpft oder dienen als Wahrzeichen, an denen sich die Identität der Bürger festmacht.
Der Schnapphans in Jena bleibt dennoch in seiner Schlichtheit und der spezifischen Kombination mit dem „Dullendorf“-Reim (als eines der sieben Wunder von Jena) ein einzigartiges thüringisches Unikat.
ÜBERBLICK: Die Sieben Wunder von Jena
ARA
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Der KopfCaput - Der Kopf am Rathaus
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